Weihnachtsmarkt bleibt Weihnachtsmarkt - auch in Magdeburg.

Seit Wochen geistern Behauptungen und Mutmaßungen über die Umbenennung zahlreicher "Weihnachtsmärkte" in "Wintermärkte" vor allem durch Facebook. Als Grund werden ominöse Religionsführer muslimischen Glaubens aufgeführt, die angeblich Druck auf die Lokalpolitik ausüben. Da wird schnell mal der Münchner Wintermarkt kritisiert; der heißt aber schon seit acht Jahren so. Und das keineswegs aus Rücksichtnahme auf andere Religionen. Auch die Bild am Sonntag befeuerte kürzlich die wildgewordenen Hüter des christlichen Glaubens, indem sie völlig verdreht über Berliner Winterfeste und -märkte berichtete.

Foto: https://www.flickr.com/photos/<em>timl/6392454227/in/photostream/ unter CC-by-sa 2.0 Blick vom Magdeburger Weihnachtsmarkt - Foto von _timl unter CC-by-sa 2.0

Der gesamten absurden Diskussion hatte dann eine Grafik der "Bürgerinitiative Gohlis sagt Nein" die Krone aufgesetzt:

Seit dem 9. Dezember geistert eine ähnliche Meldung zum Magdeburger Weihnachtsmarkt durch Facebook:

Der Post wurde durch den Poster gelöscht oder die Sichtbarkeit verändert.

Ein anonymer Taxifahrer namens Frank Frank will gehört haben, wie Mitarbeiter der IG Innenstadt (Teilhaber der Gesellschaft zur Durchführung der Magdeburg Weihnachtsmärkte mbH, Ausrichter des Weihnachtsmarktes) oder Mitarbeitern nahestehende Menschen in seinem Taxi über die Umbenennung des Magdeburger Weihnachtsmarktes in Wintermarkt diskutiert haben. Christliche Symbole und Weihnachtsmusik sollen auch gleich abgeschafft werden. Den ersten "Beweis" liefert die abgeschaltete Leuchtschrift "Weihnachtsmarkt" am Eingang. Frank Frank hört auch deutlich politischen Druck sowohl aus dem Rathaus als auch durch "muslimische Mitbürger" aus dem Gespräch heraus.

Der "Erfahrungsbericht" findet große Zustimmung und Mitgefühl unter seinen Followern, Freunden und anderen Facebook-Nutzern. Die meisten glauben ihm, reflektieren nichts, hinterfragen nichts. Es ist für sie ein weiterer Beweis für den stark wachsenden Einfluss von Muslimen in unserer Gesellschaft. Und Frank Frank befeuert die Kommentarspalte:

"Wenn es nicht so traurig wäre. ... ich sehe uns schon heimlich in den Wald schleichen und einen Tannenbaum klauen. Immer auf der Flucht vor der Scharia-Polizei. Zu Hause die Vorhänge schön abgedichtet damit der Blockwart nichts mitbekommt. 25 Stockhiebe für das begehen des Festes der Ungläubigen ist bestimmt nicht so toll."

Die Meute jubelt. Und kommentiert, dass man sich sowieso in Magdeburg schon diskriminiert fühle und dies eben die Realität sei. Und wehe, jemand verschließt die Augen vor dieser Tatsache.

Auch die IG Innenstadt und der Betreiber des Weihnachtsmarktes, die Gesellschaft zur Durchführung der Magdeburg Weihnachtsmärkte mbH, haben diese Nachricht vernommen und prompt ein Statement veröffentlicht:

Auf über 800 Shares, wie Frank Franks "Erfahrungsbericht" sie hat, kommt diese Meldung jedoch nicht. Doch statt das Statement anzuerkennen, zweifeln es mehrere User noch an.

"Na warten wir mal ab ob er nächstes Jahr noch So heisst. Bei der Bundesregierung bin ich mir da nicht mehr sicher." (Iron Ingo)

Die Gespräche sucht man gar nicht, man fragt auch nicht nach. Auf meine Nachfrage reagiert Geschäftsführer Alfred Raabe ganz bestimmt: "Es wird immer den traditionellen Weihnachtsmarkt geben." Die Behauptungen im Text von Frank Frank seien absolut erfunden. Er erzählt mir auch von dem Halleschen Weihnachtsmarkt, der eben auch nach Weihnachten geöffnet hat und einfach ab diesem Moment Wintermarkt heißt.

Vielleicht hat Frank Frank während seiner Taxifahrt ein Gespräch verfolgt, indem wer auch immer über eine Verlängerung des Magdeburger Weihnachtsmarktes gesprochen hat. Vielleicht fiel da auch das Wort Wintermarkt. Dass er das aber als "Islamisierung des Abendlandes" auslegt, ist absurd - aber auch nicht wirklich überraschend, betrachtet man seine "Gefällt mir" bei Facebook. Sowohl die PEGIDA als auch die MAGIDA, die noch untätigen Magdeburger gegen die Islamisierung des Abendlandes, gefallen ihm.

Deswegen kann er auch einfach behaupten:

"Grund ist, das sich unsere Muslimischen Mitbürger sich in ihrem Glauben durch den Weihnachtsmarkt zu tiefst verletzt fühlen."

Der erste Vorsitzende der Islamischen Gemeinde Magdeburg, Dr. Moawia Al-Hamid, ist erschrocken. "Das ist total erfunden!", sagt er mir am Telefon. "Wir respektieren alle Feiern von anderen Religionen, die in Magdeburg stattfinden." Er geht sogar gerne auf den Weihnachtsmarkt und möchte auf keinen Fall, dass dieser umbenannt oder irgendwie anders verändert werden sollte. Als Vorsteher, Imam und Vorsitzender könne er auch sehr gut den Zeitgeist seiner Mitglieder einschätzen. Leicht scherzhaft sagt er zum Schluss des Gesprächs: "Das einzige, was uns am Weihnachtsmarkt stört, sind die vielen parkenden Autos, die kreuz und quer vor unserer Moschee stehen. Aber das Problem hat Edeka auch." Und wenn man sich ein bisschen mit den Muslimen in Magdeburg beschäftigt, dann weiß man, dass sie zurzeit sowieso ganz andere Probleme haben als einen Weihnachtsmarkt, der auch so heißt.

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